Doppelt fremd? (Habilitationsprojekt)
Krankengeschichten und ihre Funktionen in Texten französischsprachiger MigrationsautorInnen süd- und südostasiatischer Herkunft
Allgemeine Angaben
- Projektbeginn
- Freitag, 25. November 2011
- Projektende
- Montag, 14. Oktober 2013
- Status
- laufend
- Hochschule
- Institut für Romanistik
- Ort der Hochschule
- Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
- Thematik nach Sprachen
- Französisch
- Disziplin(en)
- Literaturwissenschaft Medien-/Kulturwissenschaft Literatur und Medizin Migrationsliteratur
Anmerkungen
keine
Exposé
Krankheit ist ein beliebtes und wesentliches Thema der Literatur. Dietrich von Engelhardt, Autor des auf fünf Bände angelegten Werkes Medizin in der Literatur der Neuzeit schreibt in seinem Geleitwort zu dem von Bettina von Jagow herausgegebenen Lexikon Literatur und Medizin:
Krankheit und Schmerz, Geburt und Tod werden immer wieder in literarischen Texten ebenso dargestellt und gedeutet wie Patient, Arzt, Therapie und medizinische Institution. Schriftsteller sind Ärzte oder Ärzte Schriftsteller, Künstler erkranken, Krankheit bringt auch Kunst hervor. Literatur ist zwar nicht Medizin und kann doch zu einem Instrument der Therapie werden. (Engelhardt in Jagow/Steger 2005, 1)
Bis dato hat sich die Forschung vor allem der Krankheitsthematik in bestimmten (literaturgeschichtlichen) Epochen – wie dem Realismus-Naturalismus – oder in bestimmten (National)Literaturen – ich verweise auf die rezente Publikation Krankheit in der skandinavischen Gegenwartsliteratur von Anne Brümmer – zugewandt. Auch Studien zu ‘epochentypischen’ Krankheiten sind häufig anzutreffen, beispielsweise zu Tuberkulose (als der ‘privilegierten’ Krankheit des 19. Jahrhunderts) oder zu AIDS und Krebs (die in der zeitgenössischen Literatur vermehrt thematisiert werden).
Was in der gegenwärtigen Debatte rund um das aufstrebende Forschungsfeld ‘Literatur und Medizin’ fehlt, ist die Einbeziehung von Migrationsliteratur(en) – dies umso mehr als die literarische Produktion von MigrantInnen dem Krankheitsmotiv privilegierte Bedeutung einzuräumen scheint.
Im Mittelpunkt meines Interesses stehen nun ‘Krankengeschichten’ und ihre vielfältigen Funktionen in Texten französischsprachiger MigrationsautorInnen süd- und südostasiatischer Herkunft (insbesondere aus China, Vietnam, Südkorea und Japan). Die Texte dieser überschaubaren AutorInnengruppe – 12 AutorInnen aus China, 9 aus Vietnam, je eine aus Japan und Südkorea – inszenieren in ihren Texten mit Vorliebe prekär verortete ProgatonistInnen in Krisen- und Grenzsituationen. Auf das Krankheitsmotiv wird dabei häufig rekurriert, um Identitätserschütterung (mitsamt der sie begleitenden ‘Symptomatik’), Identitätsveränderung sowie Identitätsneuverortung (als mögliche Heilung) zum Ausdruck zu bringen.
Als PatientInnen (und/oder MigrantInnen) wie auch als Ärzte, die sich eine ‘fremde ’Heilkunst’ zu eigen gemacht haben – man denke nur an den ‘chinesischen Psychoanalytiker’ Muo in Dai Sijies Roman Le complexe de Di (dt. Muo und der Pirol im Käfig), der, an Freud und Lacan geschult, ins postmaoistische China zurückkehrt – sind die ProtagonistInnen der Texte aber auch RepräsentantInnen einer ‘Gegenkultur’, die in (spannungsreichen) Austausch mit der Dominanzkultur tritt und ihre Gestalt (mit)modelliert.
Das im Vergleich zu anderen Herkunftsländern französischsprachiger MigrationsautorInnen überschaubare Korpus erlaubt es, auf folgende Fragen einzugehen:
A. In einem ersten biographischen Teil
(1) Wie konzeptualisieren die AutorInnen ihre eigene Migrationserfahrung und die daraus resultierende Identitätsveränderung? Gibt es für sie eine Beziehung zwischen Migration – der daraus resultierenden Entwurzelung, dem Verlust der Muttersprache, der Anpassung an neue Lebensumstände, etc. – und Krankheit?
(2) Ist die – vielfach erst durch die Migration in Gang gesetzte– literarische Tätigkeit selbst für sie als Therapeutikum zu begreifen?
In einem zweiten auf die fiktionalen Texte fokussierten Teil:
(1) Welchen Stellenwert hat ‘die Krankengeschichte’ in Texten von MigrationsautorInnen, wo sie als eine Art ‘Gegenkultur zur Potenz’ gedeutet werden kann.
(2) Gibt es auch in Texten von zeitgenössischen MigrationsautorInnen bestimmte Krankheiten, die besondere Attraktivität besitzen und ‘prädestiniert’ erscheinen, die prekäre Verortung des Migranten zwischen Kulturen und Sprachen abzubilden? Gibt es Krankheiten, die, um mit Engelhardt zu sprechen als “Signatur unserer Zeit” verstanden werden können und besonders häufig vorkommen? Rücken in den Texten von MigrationsautorInnen andere Krankheiten in den Vordergrund als AIDS oder Krebs oder psychische Störungen, die in den Texten zeitgenössischer AutorInnen ohne Migrationshintergrund eine große Rolle spielen?
(3) Wie werden die Krankheiten beschrieben – Symptome, Verlauf, Therapie – und welche Funktion haben sie?
(3) Wer leidet darunter: Protagonisten mit Migrationserfahrung oder ohne? Inwiefern bildet die Krankheit die Zerrissenheit des Protagonisten – oft, aber nicht immer, selbst Migrant/Migrantin – ab?
(4) Wie sehen Heilungen aus? Fällt Heilung – im Falle von ProtagonistInnen mit Migrationserfahrung – mit einer Lösung des Identitätsproblems zusammen?
(5) Wie reagiert die (Aufnahme)Gesellschaft auf die oft in doppeltem Sinne ‘Aussätzigen’ – einmal als ‘Fremde’, einmal als ‘Kranke’?
(5) Inwiefern affiziert der Krankheitsdiskurs die Sprache/Art der Darstellung? (Stichwort: “fragmentarische Schreibweise”)
(6) Inwiefern lässt sich Krankheit als kreative Kraft deuten?
(5) Gibt es Unterschiede in Krankheitsdarstellungen zwischen AutorInnen aus traditionnell frankophonen Räumen wie Vietnam einerseits und allophonen AutorInnen, die das französische frei gewählt habe andererseits?
(6) Inwiefern kommen Krankheiten in den verschiedenen Gattungen unterschiedlich zur Darstellung?
Sonstige Angaben
- Ersteller des Eintrags
- Julia Pröll
- Version
- 6
- Erstellungsdatum
- Donnerstag, 08. Dezember 2011, 09:27 Uhr
- Letzte Änderung
- Mittwoch, 04. Januar 2012, 11:18 Uhr