Christliche Ideen in den mittelalterlichen okzitanischen Romanen (Habilitationsprojekt)


Allgemeine Angaben

Projektbeginn
Montag, 01. September 2008
Projektende
Mittwoch, 31. August 2011
Status
laufend
Hochschule
Katholische-Péter-Pázmány-Universität, Ungarn
Ort der Hochschule
Piliscsaba
Thematik nach Sprachen
Sprachübergreifend Okzitanisch
Disziplin(en)
Literaturwissenschaft
Schlagwörter
Jaufré Flamenca Barlaam et Josaphat Mittelalter Mediävistik mittelalterliche okzitanische Erzählungen

Aktiv beteiligte Person(en)

(z.B. Kooperation, Mitarbeiter, Fellows)

Imre Gábor Majorossy

Anmerkungen

Im Rahmen des dreijährigen Forschungsstipendiums “János Bolyai” der Ungarischen Akademie der Wissenschaften.

Exposé

1.: Während der bisherigen Forschungstätigkeiten ist es mir klar geworden, daß der Zweck der dritten Phase meiner Forschung ein wichtiges und bis jetzt kaum erforschtes Gebiet ist. In meiner Untersuchung werden das Aufdecken und die Erklärung der christlichen Denkweise ziemlich neu sein, weil dadurch die Vermischung der geistlichen und ästhetischen Werte und Argumente klarer zum Vorschein kommt.

2.: Die Darstellung und Erklärung der christlichen Spiritualität in den okzitanischen Romanen findet seinen Platz als dritter Schritt in der Reihe meiner vorausgehenden Arbeiten: Nach der Analyse der Gedichte und der Kurzerzählungen habe ich die Arbeit mit der Untersuchung der längeren Texte fortgesetzt.

Dieser mein Ausdruck „längere Texte“ wirft dann die Frage der Zahl der zu behandelnden Werke auf: Wie viele Romane müßte man eigentlich untersuchen? Ich möchte mich, ähnlich meinen früheren Arbeiten, einerseits auf die allgemeingültigen Feststellungen der Forschung stützen, andererseits auf meine eigenen. Das heißt, daß ich einerseits die Ergebnisse von anderen übernehmen, andererseits aber aufgrund meiner Kenntnisse der okzitanischen Primärliteratur die zu behandelnden Romane selbst auswähle. Man darf sich nämlich nicht nur auf buchstäblich längere Texte beschränken, sondern müßte, meines Erachtens, auch vier kürzere Erzählungen in die Untersuchung miteinbeziehen. Deshalb habe ich eigentlich zwei Werke vor: Ein zur Untersuchung der drei, eher bekannten Romane (Jaufré, Flamenca, Barlaam et Josaphat), und ein späteres für die weniger bekannten: Blandín de Cornualla, Guillaume de la Barre, Roman d’Arles und Roman de Notre-Dame de Lagrasse.
Wie ich schon bei den bisherigen Aufsätze wahrgenommen habe, wurden die wenigen Romane, die im Mittelalter auf Okzita¬nisch oder im okzitanischem Sprachgebiet entstanden sind, bis jetzt vornehmlich angesichts des Ausdrucks der fin’amor, oder auch angesichts der Struktur (Jaufré), des psychologischen Hinter¬grunds (Flamenca) oder des katharischen Einflusses (Barlaam et Josaphat) untersucht. Nur ganz wenige Beiträge beschäftigen sich mit dem Zusammenleben der Kulturen, bzw. Traditionen, obwohl meiner Meinung nach die Behandlung der ausgeprägten christlichen Motivik auf der Hand liegt.

Den bisherigen Forschungen zufolge ist es mir auch endgültig klar geworden, daß der Untersuchungsbereich meines geplanten dritten Buches richtig festgesetzt worden war: Es sollte in ihm nicht um neue Theorien der Romane gehen, nicht um eine neue Überlieferungsgeschichte zwischen den Litera¬turen von d’oïl und d’oc. Demgegenüber wird es sich mit den oft versteckten und manchmal klar vor Augen liegenden Motiven beschäftigen, die ihre Bedeutung ausschließlich innerhalb der Werke bekommen. Wenn man diesen Motiven Beachtung schenkt, wird es immer klarer, daß sie nur in den einzelnen, nach der literarhistorischen Tradition als Romane bezeichneten Werken aufzufinden sind.

Es ist zu erwähnen, daß jeder längerer Roman einen inneren Widerspruch hat: In Jaufré steht der irrende Ritter der Liebe als Geschenk gegenüber, in Flamenca die biblischen Begriffe der freien Liebe, in Barlaam der weltliche Reichtum der ewigen Seligkeit. Mein Forschungsziel ist, den Hintergrund solcher Widersprüche aufzudecken und für sie eine Erklärung zu finden. Nach der Untersuchung der okzitanischen Kurzerzählungen wird nämlich den Eindruck erweckt – und kommt es auch zum Vorurteil –, daß diese Romane sogar einen Rückschritt der christlichen Werte beinhalten. Wenn man aber einen genaueren Blick auf diese längeren epischen Werke wirft, wird es klar, daß sie einerseits die Gedankenfreiheit von christlichen, besonders moralischen Werten vertreten, andererseits die Harmonie mit demjenigen Teil des Christentums darstellen, das sich im alltäglichen Leben als notwendig erweist.

3.: Lassen wir nun die einzelnen Werke ein bißchen näher kommen.

— Der Jaufréroman schreibt sich in die Tradition der Arthusromane mit einem besonderen provenzalischen Einfluß hinein. Obwohl das Werk auf den ersten Blick dem arthusischem Kreis entspringt, zeigen die Reihen von Abenteuern ein Weltbild und eine Denkart, die hauptsächlich die mittelalterliche okzitanische Gesellschaft prägen. Demzufolge gehört Jaufré nicht mehr zur traditionellen höfisch-ritterlichen Welt, wo die Ritter von Arthus immer wieder nach dem in der Liebe versteckten Abenteuer dürsten (oder nach der im Abenteuer versteckten Liebe, weil diese Begriffe oft austauschbar zu sein scheinen), sondern allein nach der Liebe als Kraft für ein vollkommenes Menschsein. Diese Kraft befreit dann die Persönlichkeit von allen Abhängigkeiten: Sowie von ritterlichen, als auch von moralischen, bzw. christlichen Erwartungen. So kann es nicht zufällig sein, daß das Liebestreffen von Jaufré und Brunissen dem Hochamt vorangeht.

Worin bestehen dann eigentlich der Glaube und die Religion von Jaufré? Es scheint klar zu sein, daß in dem Roman drei Traditionsstränge zusammentreffen: Eine arthusiche, eine christliche und eine provenzalische. Um die volle Bedeutung des Romans zu entdecken, ist es unvermeidbar, diese Schichten zu trennen und ihre Rollen zu klären. Wo spielt die Handlung eigentlich ab? (Diesseits/Jenseits) Was für eine Funktion haben zu. B. die jüdisch-christlichen Anspielungen? Was für eine Gemeinschaft oder Gemeinde steht hinter Jaufré?

— Im unvollständigen Flamencaroman, den einige Wissenschaftler, wie z. B. René Nelli, unter den Werken des Motivs castiagilos erwähnen, zeigt sich der starke Einfluß des Christentums. Es zählen nicht mehr die humoristische Rolle der Kleriker und die versteckte, literarisch bearbeitete Einstellung der Katharen-Bewegung, sondern vielmehr die dichterische Botschaft der Erzählung, die eigentlich zwischen der geistlichen und der körperlichen Liebe nicht entscheidet. Ihr Verhältnis ähnelt dem in den Kurzerzählungen entdeckten: Die religiösen Vorschriften zählen eher wenig, und die Liebe gilt als höchster Wert. Der nächste Schritt in der Forschungsarbeit möchte auf das berühmte Gespräch näher eingehen, das mehrere Wochen lang zwischen dem Liebespaar in der Kirche abläuft. Trotz seiner Unvollständigkeit steht der Roman anderen okzitanischen, bereits in meinem zweiten Buch teilweise untersuchten Kurzerzählungen nahe. Das zeigt sich deutlich daran, daß er viele Motive aus anderen höfischen und ritterlichen literarischen Werken enthält (z. B. das in einem Turm eingeschlossene Fräulein, die Eifersucht, die Verkleidung und die Dreiecksbeziehung).

Was für eine Rolle spielen die kirchlich-christliche Umgebung und Texte in dem berühmten „Dialog“ zwischen Flamenca und Guillaume de Nevers? Wie können die Ironie und die Spiritualität getrennt werden? Wie ist es möglich, eine ehebrecherische Liebesbeziehung durch eine Klerikerfigur dargestellt zu werden?

— Obwohl der Roman von Barlaam et Josaphat von orientalischer Herkunft ist, darf man in seiner Erforschung nicht von diesem Hintergrund verführt werden: Den Roman muß man als ein mittelalterliches okzitanisches Werk untersuchen. Als die angeblich mehrmals bearbeitete und bereicherte Geschichte im Abendland ankam, wurde sie zu einem festen christlich-moralischen Handbuch, das den Lernfreudigen die im Leben möglichen problematischen Fälle durch kurze Märchen zu erleuchten versuchte. Da es mehrere Fassungen dieses Werkes gibt, beschränkt man sich auf die Untersuchung der mittelalterlichen provenzalischen Variante. Christliches Denkgut zeigt sich nur in wenigen Gattungen besonders gut: Einerseits in den Dialogen, die eigentlich Monologe sind, andererseits in jenen Anspielungen, die eine biblische Geschichte als Exempel vorstellen. Das eine andere Gattung beschreibende Wort Exempel weist darauf hin, wie eng der Zusammenhang zwischen den mittelalterlichen Gattungen und denen anderer literarischen Epochen ist. Meine Forschung setzt also auch zum Ziel, den literarischen Ausdruck des mittelalterlichen Christentums zu erklären. Wegen des mutmaßlichen christlichen Einflusses empfiehlt sich auch die vielmehr Erziehungsroman zu nennende Geschichte von Barlaam et Josaphat der Untersuchung. Hier sollte man aber eine zu engstirnige Bindung an den Katharismus vermeiden, und eher die im Roman am häufigsten aufkommenden Probleme zu erklären versuchen.

Als Problem stellt sich der Auswahl der zu untersuchenden Themen: Wie läuft die Meinungsänderung, bzw. die Bekehrung ab? Welche biblischen Geschichten wurden als literarischer Grundstoff bevorzugt? Warum genau diese? Gibt es einen versteckten Plan dahinter? Diese letzte Frage scheint besonders wichtig zu sein, wenn man den Barlaamroman als Erziehungsroman auffaßt.

4.: Auf Grund des bisher skizzierten, hoffe ich, sind meine wissenschaftlichen Ziele klargestellt: Die ersten zwei Phasen meiner Forschungsarbeit werden durch die dritte, durch die Erklärung der ganzheitlichen Bedeutung der okzitanischen Romane vervollständigt. Ich hoffe, daß man nach den Vorarbeiten meines dritten Buches die literarische Rolle der christlichen Denkart in der mittelalterlichen okzitanischen weltlichen Literatur besser wird verstehen können. Denn dies wäre der Hauptzweck meiner Forschung, da man die okzitanische Literatur noch nicht ausreichend kennt, besonders den Zusammenhang und das Zusammenleben der weltlichen und geistlichen Literatur nicht. Die wissenschaftlichen Ergebnisse meiner bisherigen Bücher weisen darauf hin, daß man in diesem Bereich noch viel Neues erwarten kann. Die drei Bücher zusammen würden dann einmal schließlich eine breitere Perspektive der literarischen Darstellung des Christentums in der mittelalterlichen okzitanischen Literatur bieten.


Sonstige Angaben

Ersteller des Eintrags
Imre Gábor Majorossy
Version
4
Erstellungsdatum
Freitag, 04. Dezember 2009, 08:23 Uhr
Letzte Änderung
Freitag, 04. Dezember 2009, 08:23 Uhr